| Dicke Jungen haben es besonders schwer |
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In einer Befragung von Schülerinnen und Schülern wurde festgestellt, dass diese ihren stark übergewichtigen Altersgenossen häufig ablehnend gegenüberstehen und ihnen gegenüber Vorurteile hegen, nach dem Muster: dick = dumm und faul. Am negativsten fällt die Zuschreibung auf dicke Jungen aus. Prof. Ansgar Thiel und Manuela Alizadeh vom Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen und Prof. Stephan Zipfel von der Abteilung Psychosomatik der Universitätsklinik Tübingen haben die Studie zur Stigmatisierung adipöser Kinder und Jugendlicher durchgeführt. Das Ergebnis: Vielen Kindern und Jugendlichen sind fettleibige Gleichaltrige nicht sympathisch; sie halten sie für weniger intelligent und fauler als normalgewichtige Altersgenossen. Die Forscher haben sich auf bestimmte Stereotype konzentriert, nämlich auf Attraktivität, Intelligenz, Leistungsbereitschaft, Spielpartnerpräferenz und Sympathie. Befragt wurden 230 Mädchen und 224 Jungen im Alter von zehn bis 15 Jahren. Der eine Teil von ihnen besucht eine Hauptschule, der andere ein Gymnasium. "Wir haben die Untersuchung sehr einfach gehalten", sagt Ansgar Thiel. "Wir hatten Fotos von Kindern, die eine Art mittleren Durchschnittstyp darstellten: jeweils einen normalgewichtigen Jungen und ein Mädchen, jeweils einen normalgewichtigen Jungen und ein Mädchen im Rollstuhl sowie zwei adipöse Kinder, auch hier einen Jungen und ein Mädchen." Diese sechs Bilder sollten die Studienteilnehmer nach Sympathie in eine Reihenfolge bringen. Bei der Intelligenz, der Faulheit und der Attraktivität fiel vielen Kindern die Sechser-Reihenfolge schwer. "Dort haben wir daher nur gefragt, wer von den Sechsen jeweils das intelligenteste, das am wenigsten intelligente, welches Kind am hübschesten und am wenigsten hübsch war." Die adipösen Kinder wurden als am wenigsten sympathisch angesehen und am seltensten als Spielkameraden bevorzugt. Am sympathischsten war den Studienteilnehmern das normalgewichtige Mädchen. Die Werte der körperbehinderten Kinder lagen etwa in gleicher Höhe wie die des normalgewichtigen Jungen. "Bei der Spielkameradenpräferenz lehnten Mädchen die adipösen Kinder noch stärker ab als die Jungen. Das normalgewichtige Mädchen hielten die meisten Befragten für das hübscheste Kind. In dieser Kategorie seien die körperbehinderten nicht öfter genannt worden als die adipösen Kinder: "Als am wenigsten hübsch stuften 87,1 Prozent der Befragten die adipösen Kinder ein, allein 69,5 Prozent den Jungen." Die übergewichtigen Kinder wurden am häufigsten mit schlechten Eigenschaften in Verbindung gebracht. "Die adipösen Kinder wurden nur in 2,6 Prozent der Fälle als die intelligentesten eingeordnet. Das adipöse Mädchen nannten 25 Prozent als das am wenigsten intelligente Kind, den adipösen Jungen sogar zwei Drittel", sagt Thiel. Dick wurde sehr häufig auch mit faul gleichgesetzt: Die beiden adipösen Kinder wurden zu fast 95 Prozent als die faulsten angenommen, der Junge allein schon mit 75 Prozent. Thiel erklärt diesen Unterschied in den Befragungsergebnissen zwischen dem adipösen Jungen und dem Mädchen damit, dass in diesem Alter die Sportlichkeit und Körperlichkeit bei einem adipösen Jungen als stärker beeinträchtigt wahrgenommen werde als bei einem Mädchen. Bei der Intelligenz und der Faulheit urteilten die befragten Jungen und Mädchen etwa gleich, außerdem habe es kaum Unterschiede zwischen den Befragungsergebnissen der Schüler von der Hauptschule und dem Gymnasium gegeben. Und wie kommt es zu einem solch negativen Bild von übergewichtigen Menschen? Noch in den 1950er-Jahren hat man Menschen mit großer Körperfülle oft als besonders erfolgreich angesehen. "Das Bild scheint in den 70er-Jahren gekippt zu sein mit dem Aufkommen des Massensports", sagt der Sportsoziologe Thiel. "Das Aussehen erhielt einen höheren Stellenwert." Übergewicht könnte dem Wissenschaftler zufolge auch deswegen als negativ empfunden werden, weil die Gesellschaft "entkörperlicht" wurde, mangels zu verrichtender körperlicher Arbeit. "Jetzt heißt das Schlagwort Fitness - und das ist Arbeit an sich selbst. Adipösen wird eine mangelnde Bereitschaft unterstellt, an sich zu arbeiten. In diesem Sinne gelten sie dann als faul", sagt Thiel. Das führt zur Stigmatisierung. Quelle: http://bildungsklick.de |